Erst der Prozess, dann das Tool: der häufigste Fehler bei der Softwareauswahl
Aus einer Abteilung kommt eine typische Anfrage an das IT- und Digitalisierungsteam: Ein Prozess, der seit Jahren über eine gewachsene Excel-Datei läuft, funktioniert nicht mehr. Mehrere Personen arbeiten parallel in der gleichen Datei, einzelne Versionen widersprechen sich, Fehler fallen erst spät auf. Sobald die Anforderung bei der IT landet, steht innerhalb kurzer Zeit die Frage im Raum, die den Kern zu treffen und das Problem zu lösen scheint: Bauen wir eine eigene Software, kaufen wir eine fertige Lösung oder setzen wir es mit einer Low-Code-Plattform um?
Die Frage klingt vernünftig. Trotzdem ist sie verfrüht. Denn der häufigste Grund, warum solche Vorhaben später teurer, langsamer oder schlechter werden als geplant, hat nichts mit dem gewählten Werkzeug zu tun. Er entsteht davor.
- I: Der Reflex: zuerst über das Tool diskutieren
- II: Warum ein unklarer Prozess durch keine Software besser wird
- III: Ist Ihr Prozess reif für eine Softwareentscheidung?
- IV: Erst der Prozess, dann die Entscheidung
- V: Kurz zusammengefasst
- VI Guide: Bauen, kaufen oder mit Low-Code umsetzen?
- VII Wichtigsten Fragen
Der Reflex: zuerst über das Tool diskutieren
Sobald eine Anforderung konkret wird, springt die Diskussion fast automatisch auf die Softwarefrage. Das fühlt sich produktiv an, weil jede Option greifbare Argumente liefert: Die Eigenentwicklung verspricht eine passgenaue Lösung, die Standardsoftware verspricht einen schnellen Start, die Low-Code-Plattform verspricht beides in Maßen. Es gibt Angebote, Demos, Bewertungen und Reviews – die Entscheidung scheint nur noch eine Frage des richtigen Vergleichs zu sein.
Übersprungen wird dabei die eigentliche Vorarbeit: Kaum jemand kann zu Beginn präzise beschreiben, was der Prozess genau leisten soll: Welche Daten werden benötigt und müssen integriert werden, welche Schritte folgen in welcher Reihenfolge, wer entscheidet an welcher Stelle, welche Regeln gelten für Ausnahmen. Solange diese Punkte offen sind, bewertet man Werkzeuge gegen ein Ziel, das noch gar nicht feststeht.
Das Bemerkenswerte daran: Es sind selten die unerfahrenen Teams, die diesen Schritt auslassen. Der Vergleich verschiedener Softwarelösungen fühlt sich nach Fortschritt an. Man kann Angebote einholen, Demos ansehen, eine Vergleichstabelle im Entscheiderkreis zeigen. Prozessarbeit dagegen bleibt größtenteils unsichtbar: Sie produziert kein vorzeigbares Ergebnis, sie beeindruckt niemanden im Statusmeeting und sie fühlt sich an wie Zeit, die man eigentlich nicht hat. Genau deshalb wird sie verschoben, obwohl jeder Beteiligte weiß, dass sie wichtig ist. Der Fehler entsteht nicht aus Unwissen, sondern aus dem verständlichen Wunsch, sichtbar voranzukommen.
Warum ein unklarer Prozess durch keine Software besser wird
Ein unklarer Prozess bleibt unklar, egal ob ihn Eigenentwicklung, eine Standardsoftware oder die Low-Code-Lösung umsetzen soll. Er verschiebt das Problem nur, statt es zu lösen.
Machen wir den Excel-Prozess aus der Einleitung konkret, beispielsweise eine Wareneingangskontrolle. Angenommen, niemand hat vorab festgelegt, was eigentlich passieren soll, wenn eine Lieferung unvollständig ankommt: Wird sie trotzdem gebucht, wandert sie in eine Klärungsliste, wird der Einkauf informiert und wenn ja, von wem? Diese eine offene Frage entscheidet über einen ganzen Zweig der späteren Anwendung. Solange sie offen bleibt, trägt sie sich in jede Option unterschiedlich, aber immer teuer weiter.
Bei der Eigenentwicklung wird sauber die falsche Lösung gebaut und die Klärung wandert in eine zweite Entwicklungsrunde. Bei der Standardsoftware wird der Ablauf um ein Produkt herumgebogen, das eine unvollständige Lieferung als Fall gar nicht vorsieht und das Customizing wächst mit jeder solchen Lücke. Und bei Low-Code verpufft genau der Vorteil, für den man sich entschieden hat: Geschwindigkeit entsteht nur, wenn nicht bei jedem Schritt neu verhandelt wird, was der Ablauf überhaupt tun soll. Die ausgewählte Softwarelösung ist in allen drei Fällen nicht das Problem. Das Problem ist die Frage, die niemand vorher gestellt hat.
Ein Prozess ist dann klar genug für die Softwareauswahl, wenn Eingaben, Schritte, Zuständigkeiten, Regeln und die benötigte Datenbasis so beschrieben sind, dass zwei Personen den Ablauf unabhängig voneinander gleich erklären würden. Erst ab diesem Punkt lässt sich seriös bewerten, welches Werkzeug dazu passt.
Ist Ihr Prozess reif für eine Softwareentscheidung?
Bevor Sie die verschiedenen Optionen vergleichen, lohnt sich ein ehrlicher Blick auf den Reifegrad Ihres Prozesses. Die folgenden fünf Fragen sind kein Test mit Punkten, sondern ein Stimmungsbild: Je öfter Sie zögern, desto mehr Vorarbeit steht noch aus.
Kurz-Check: Prozessreife
Beschreibbarkeit
Datenbasis
Zuständigkeiten
Ausnahmen
Zielbild
Wenn hier mehrere Punkte offen bleiben, ist das kein Grund zur Sorge, sondern die eigentliche Aufgabe vor der Toolentscheidung. Ein sauber beschriebener Prozess ist der beste Schutz vor späteren teuren Korrekturen.
Klarheit heißt dabei nicht, alles bis ins letzte Detail zu spezifizieren. Wer versucht, jede denkbare Ausnahme zu klären, bevor überhaupt mit der Umsetzung begonnen wurde, ersetzt nur eine Blockade durch eine andere. Es geht nicht um ein vollständiges Lastenheft, sondern um ein gemeinsames Verständnis der Kernlogik: Was ist der Normalfall, welche zwei oder drei Abweichungen sind wirklich relevant und wo darf sich der Prozess im weiteren Verlauf entwickeln? Gerade weil sich Anforderungen ändern, muss nicht alles feststehen. Feststehen muss das Gerüst, an dem sich alles Weitere ausrichtet.
Erst der Prozess, dann die Entscheidung
Die Reihenfolge, die in der Praxis funktioniert, ist unspektakulär, aber wirksam:
-
den Prozess klären,
-
dann das Werkzeug wählen.
Ein durchdachter Ablauf lässt sich anschließend gegen die drei Optionen Eigenentwicklung, Standardsoftware oder Low-Code-Plattform halten und plötzlich haben Vergleiche eine Grundlage. Die Frage ist nicht mehr „Welches Tool ist das beste?", sondern „Welches Tool passt zu genau diesem Prozess, zu dieser Datenlage und zu diesem Team?".
An diesem Punkt lohnt sich ein systematischer Vergleich statt einer Bauchentscheidung. Eigenentwicklung, Standardsoftware und Low-Code unterscheiden sich weniger im ersten Eindruck als in dem, was über drei bis fünf Jahre daraus wird: bei den Gesamtkosten, bei der Abhängigkeit von einzelnen Personen oder Anbietern, bei der Frage, wer die Lösung künftig pflegt und bei der Flexibilität, wenn sich Anforderungen ändern. Wer diese Kriterien vorab bewusst gewichtet, trifft eine Entscheidung, die sich intern auch begründen lässt.
Kurz zusammengefasst
Der teuerste Fehler bei der Softwareauswahl ist selten das falsche Tool. Es ist die Entscheidung über ein Werkzeug, bevor der Prozess klar ist. Wer die Reihenfolge umdreht, spart sich einen großen Teil der Reibung, die Digitalisierungsprojekte langsam und teuer macht und schafft die Basis für einen Vergleich, der wirklich trägt.
Die wichtigsten Fragen zusammengefasst
Das Werkzeug auszuwählen, bevor der Prozess klar definiert ist. Ein unklarer Ablauf lässt sich durch kein Tool reparieren, er wird nur mit mehr Aufwand umgesetzt.
Erst den Prozess. Solange Eingaben, Schritte, Zuständigkeiten und Datenbasis offen sind, bewertet man Optionen gegen ein Ziel, das noch nicht feststeht.
Wenn zwei Personen den Prozess unabhängig voneinander gleich beschreiben würden, inklusive der typischen Ausnahmen und der benötigten Daten.
Ja. Low-Code liefert seine Geschwindigkeit nur, wenn der Ablauf definiert ist. Bei einem unklaren Prozess kann auch eine Low-Code-Umsetzung zum langwierigen Projekt werden.
Entlang der Kriterien, die über mehrere Jahre wirklich zählen, etwa Gesamtkosten, Abhängigkeit, Wartbarkeit, Flexibilität und Datenkontrolle. Eine strukturierte Entscheidungshilfe hilft diese Aspekte einzuordnen, zu gewichten und zu bewerten.
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